Arco Basso - Die Straße der Orecchiette
Montag, 28. Juni 2010
Aber Nunzia hat mehr vorzuweisen. Einen Artikel, der sie mit Jamie
Olivier zeigt. Der britische Vorzeigekoch war bei ihr zu Gast und hat
ihre Orecchiette genossen. Im Gegenzug hat er für Nunzia und ihre
Familie gekocht – nach deutschen Rezepten. So ein Besuch spricht sich
rum. Und deshalb ist Nunzia bei Stadtführungen gefragt. Als Fotomodell
hat sie schon Übung und auch Mama Fiore Franca, von der sie die hohe
Kunst der Orecchiette gelernt hat, stellt sich für die Fotografen in
Positur.
79 Jahre ist die alte Dame und ihre Hände sind so flink wie eh und je.
„Mir kommen keine Maschinen ins Haus“, sagt sie, „die nehmen uns doch
bloß die Arbeit weg.“ Außerdem: Orecchiette müssen einfach von Hand
gemacht sein um zu schmecken. Auf diese Tradition lässt Mama Fiore
nichts kommen. Für die Nüdelchen braucht es nicht viel mehr als Wasser
und Mehl für den Teig, eine geschickte Hand und ein kleines Messer für
die Form. Eine halbe Stunde braucht Nunzia für ein Kilo Pasta, acht bis
zehn Kilo können es an einem produktiven Tag schon werden. Das Kilo
verkauft die Hausfrau für vier Euro. Und wenn so viel Interesse da ist
wie heute, ist der Vorrat schnell ausverkauft.
Die Nachbarinnen beäugen das Knäuel der Käufer um Nunzia neugierig.
Womöglich bleibt ja auch noch ein Interessent für die Nachbarin übrig. Die
hat schließlich auch ein Brett voller Orecchiette vor der Tür. Streit
gibt es nicht unter den Frauen des Arco Basso. „Wir sind einfache
Leute“, sagt Nunzia. „Und wir halten zusammen.“ Anders geht es wohl auch
nicht in dieser Gasse, wo die Häuser Augen und Ohren haben. Von den
Fassaden schauen streng die Schutzheiligen, manche hinter einem Röckchen
aus Brokat, andere durch Plastikblumen. Wäsche trocknet im Wind und
durch die offenen Türen schaut man in die gute Stube, sieht die Familie
beim Essen, die Oma beim Mittagsschlummer - und die Hausfrau, die ihren
Nudelteig knetet.
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