Kriminelles Pflaster
Donnerstag, 29. Juli 2010
Als „Schmarr’n“ tut Dieter Wachsmann das Ganze ab. Der bärtige
Polizeihauptkommissar, seit 2007 a.D., hat das Frankfurter
Kriminalmuseum im Keller des Polizeipräsidiums an der
Polizeimeister-Kasper-Straße aufgebaut und erklärt in Ausnahmefällen
auch persönlich die gesammelten „Schätze“. 63 ist er und so rundlich und
jovial, dass man ihn sich nur schwer in der Uniformjacke aus schwarzem
Leder vorstellen kann, die er als die seine bezeichnet. Kinder unter 14
haben keinen Zutritt zu dem Museum, das mit vielen Bildern und Exponaten
die Geschichte der Frankfurter Polizei, ihres Arbeitsalltags und ihrer
spektakulärsten Fälle erzählt.
„Entschärft“ habe man die Ausstellung, zeige auf Fotos nicht mehr jede
Tötungsart und auch nur wenige Abartigkeiten oder andere
Scheußlichkeiten. „Die haben wir natürlich nicht weggeschmissen“, sagt
Wachsmann und zeigt seine Zähne, „sondern nur vor der Öffentlichkeit
weggeschlossen“. Im Nitribitt-Schaukasten ist allerdings noch eine
eingeweckt Hand zu sehen, die einem verstorbenen Verdächtigen abgenommen
wurde. Er war’s dann doch nicht.
Was da noch zu sehen ist: Ein Foto vom Tatort, auf der man in
schwarz-weiß ein bestrumpftes Bein der toten Rosemarie sieht, das halb
auf der Couch liegt. Es ist das einzig Unordentliche an dem Bild. Auch
sonst, erzählt Wachsmann sei die „Arbeitswohnung“ aufgeräumt gewesen,
Schmuck und Pelze vorhanden. „Zu ihrer Zeit war die Dame eine
Großverdienerin“, macht der Ex-Polizist klar. –„Allerdings in Gelddingen
etwas altmodisch." Selbst ihr schwarzes Mercedes-Cabrio mit den roten
Sitzen, auf denen gerne ihr weißer Pudel saß, habe sie bar bezahlt.
Einem Raubmord fiel die Edelnutte, zu deren Klientel auch der
Frankfurter Geldadel und Politiker zählte, also nicht zum Opfer. Auch
diese Tatsache öffnete Spekulationen um dubiose Hintergründe Tür und
Tor.
Noch heute kommen Neugierige zum Haus an der Großen Eschenheimer
Landstraße, auf dessen Fassade eine Detektei für sich wirbt, und schauen
empor zu dem Fenster direkt über der Telefonnummer 294652, aus dem die
Nitribitt nach ihren Freiern Ausschau hielt. Doch es ist Wolfgang aus
Franken, der da wohnt. Der 39-Jährige hat die Wohnung vor drei Jahren
gemietet, ohne zu wissen, dass er sozusagen in historische Räume zog –
einen geplanten Abriss des Hauses hatten Proteste der Frankfurter
erfolgreich verhindert. Der Neu-Mieter wunderte sich allerdings, warum
ständig Leute vor dem Haus herumstanden und zu seinem Fenster hoch
starrten. Hat er nicht ein mulmiges Gefühl, am Schauplatz eines Mordes
zu wohnen? Der Mann aus Franken – seinen Nachnamen will er keinesfalls
in der Zeitung lesen – lacht. „Nein, vor Gespenstern fürchte ich mich
nicht.“
Die suchten vor 240 Jahren ein junges Mädchen heim. Susanna Margarete
Brand bediente im „Haus zum Einhorn“ in Frankfurt, als ein
Goldschmid-Geselle dort einkehrte, an dem Mädchen Gefallen fand und ihr
das wohl auch tatkräftig bewies. Am nächsten Tag konnte sich Susanne
Margarete an nichts erinnern, doch in den Monaten darauf schwoll ihr
Leib an – sie war schwanger, ein gefallenes Mädchen. Natürlich versuchte
sie erst verzweifelt ihre Schwangerschaft zu vertuschen. Dann kam es
wohl zu einer Sturzgeburt hinter dem Gasthaus. Was dabei geschah, blieb
im Dunkeln. Vielleicht war das Baby schon tot als es auf die Welt kam,
vielleicht tötete die junge Mutter ihr Kind. Jedenfalls verscharrte sie
die Leiche im Hof und floh nach Mainz, um dort Arbeit zu finden. Als das
nicht gelang, kam sie zurück und wurde sofort verhaftet, wegen
Kindstötung vor Gericht gestellt und zum Tod verurteilt.
Goethes Leibarzt hat die Unglückliche untersucht und der junge Goethe
war wohl auch dabei, als Susanne Margarete vor der Hauptwache geköpft
wurde. Als Gretchen hat der Dichter sie später unsterblich gemacht.
Literarisch auffällig geworden ist auch ein Insasse eines Zuchthauses.
Karl Heinz Jaeger war wegen des Raubüberfalls auf eine Rentenzahlstelle
der Bundespost in Frankfurt verurteilt worden und schrieb seinen ersten
Roman auf Toilettenpapier. Der Anstaltsgeistliche schmuggelt das
Manuskript aus dem Freiburger Zuchthaus und bot es einem Verlag an. Der
Roman „Die Festung“ unter dem Namen Henry Jaeger machte den Gauner zum
anerkannten Schriftsteller und brachte ihm auch die Freiheit ein. Jaeger
wurde Journalist und Autor und lebte später in der Schweiz, wo er auch
starb. Da war er allerdings schon von der Kritik (und den Lesern) fast
vergessen, weil die späteren Bücher nicht an seinen Erstling
heranreichten. Er hatte sich aus seinem proletarischen Elend
herausgeschrieben, schrieb ein Kritiker, „nur mit der besseren Welt kam
er nicht zurecht. Die Kritik, die ihn einmal hymnisch gefeiert hatte,
betreute ihn mit Nachrufen zu Lebzeiten.“
Man sieht, nicht immer ist die Literatur eine Überlebensgarantie.
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