Eine Einladung zum Kaffeesiederball? Wer da nein sagt, weiß nicht, was er versäumt. Denn der Ball der Kaffeehausbesitzer ist nach dem Opernball der größte und einer der populärsten Wiener Bälle überhaupt. Bei Eintrittspreisen um die 110 Euro pro Person (ohne Sitzplatz, versteht sich) ist der „Pas de Deux um die Kaffeebohne“ in der Wiener Hofburg schnell ausverkauft – können doch in dieser Ballnacht alle Säle der Hofburg durchtanzt werden.




Doch vor den Ball haben die Organisatoren nicht nur die Eintrittspreise sondern auch das Outfit gestellt. Nix da mit Cocktailkleidchen und dunklem Anzug. Die Dame trägt bodenlang, eine elegante Abendrobe soll’s schon sein. Und der feine Herr dazu muss sich zumindest im Smoking präsentieren, noch besser im Frack. Doch woher nehmen wir das edle Teil, wenn die Hochzeit schon lange her ist – und es auch da ein dunkler Anzug getan hat? Der Gastgeber, der nicht nur einen Frack im Schrank hängen hat, beruhigt. Nein, den Smoking müsse Mann nicht kaufen. Wozu gäbe es denn in Wien den Kostümverleih? Nur die Dame, die sollte ihre Robe doch bitte mitbringen. Denn bei der schnelllebigen Mode seien Abendkleider nicht im Angebot.
Also rasch zur Schneiderin und den Herrn abmessen lassen: Hosenlänge, Schritt- und Ärmellänge, Brust- und Bauchumfang. Die Maße bekommt der Kostümverleih schon im Voraus, damit die Anprobe nicht zu lange dauert. Schließlich sind vier Herren einzukleiden. Am besten schon am Vormittag. Dann hat Mann noch Zeit, sich an das neue Smoking-Gefühl zu gewöhnen. Außerdem ist der Andrang dann vielleicht nicht ganz so groß.
Im traditionsverliebten Wien hat natürlich auch der Kostümverleih schon eine lange Geschichte. Das sieht man dem grauen Betongebäude in der gesichtslosen Simmeringer Hauptstraße von außen nicht an. Doch drinnen entfaltet sich eine andere Welt. Lambert Hofer, das „größte Kostümhaus Europas“ ist eine wahre Schatztruhe für Klamotten aller Art. 1862 als „Erste Costüm-Leih-Anstalt Lambert Hofer gegründet, verfügt das Haus über mehr als 100 000 Gewänder, die über fünf Etagen verteilt sind, dazu eine Damen- und Herrenwerkstatt und eine „Modisterei“, in der es um Bekleidungsgestaltung geht.
Während sich die Damen beim Anblick der prachtvollen Roben für die Sisi-Filme in romantischen Träumereien verlieren, schlägt für die Herren die Stunde der Wahrheit. Gerges Sami, der mit dem dunklen Haarschopf und dem milchkaffeebraunen Teint so gar nicht wie ein Wiener aussieht, komplimentiert den ersten Herrn in den Ankleideraum. Der Kopte aus Ägypten ist schon seit 18 Jahren bei Lambert Hofer und nimmt dem Kunden mit Charme die erste Scheu. Es fallen die Jeans und entblößen haarige Beine in dunklen Socken. Auch das gestreifte Hemd wird abgestreift. „Mach‘ mer’s gleich richtig“, überredet der Mann mit dem Maßband den zögerlichen Kunden zum blütenweißen Smokinghemd. Beim steifen Kragen legt er hilfreich Hand an. Es zwickt ungewohnt. Schönheit muss leiden. Die schwarze Smokingschleife ist im Ball-Paket inklusive. Wer weiß, was Ballunkundige sich sonst womöglich um den Hals schlingen würden. Wer sich bei Lambert Hofer ausstaffieren lässt, soll schließlich gut aussehen. Ehrensache. Also kein Gemoser über enge Krägen. Die Hose passt, die Smokingjacke aus gutem Tuch ebenso. Fertig. Oder doch nicht? Die Hose, in der Länge perfekt, sitzt in der Taille etwas weit. „Nehmen Se vielleicht doch die Hosenträger“, drängt Gerges und hat sie auch schon parat. Die Verwandlung ist erstaunlich: So elegant habe ich meinen Mann noch nie gesehen. Auch die anderen Herren können sich sehen lassen. Was so ein Smoking doch ausmacht… Womöglich könnte sich die Investition in den Kauf eines solch edlen  Kleidungsstücks doch lohnen, denkt Frau versonnen.
Da hat der Ehemann sich schon längst wieder aus der schicken Abendgarderobe gepellt und nimmt in gewohntem Räuberzivil „seinen“ Smoking samt Hemd, Mascherl und Nummer entgegen. Verwechslung ausgeschlossen. Auf dem Weg zur Kasse im Erdgeschoss verlieren wir uns mit Wonne im Filmfundus, wo Mann sich als Napoleon oder Galeerensklave verkleiden kann und Frau mit großen Augen zwischen den übervollen Kleiderständern umher wandert. So manches kommt mir bekannt vor, habe ich vielleicht schon im Film gesehen.
Ja, bestätigt Gabi Pfannholzer, die im Erdgeschoss die Leihgebühren kassiert, hier lagere die Ausstattung für viele Filme, auch die für "Andreas Hofer" mit Tobias Moretti in der Hauptrolle. Oder die für „Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt. Auf die Ah und Oh’s der Damen lacht sie und erzählt, dass der amerikanische Star sich die Klamotten mit dem Hubschrauber auf den Drehort habe fliegen lassen, „einen Berg in Tirol“. Dann wendet sie sich einem Team der ARD zu, das einen Film über den Frackverleih drehen will, während ein junger Mann lauthals nach einem Gehrock aus Samt verlangt und ein junges Paar  Kostüme aus der Biedermeierzeit zu sehen  wünscht. Das kann Frau Gabi nicht erschüttern. Wie eine Königin thront die Herrin der Kassa in voller Breite hinter dem Tresen und behält selbst beim größten Trubel die Ruhe und den Überblick. 27 Jahre ist sie im Laden dabei. „Ich bin schon ein Faktotum“, sagt sie lachend.
125 Euro plus Mehrwertsteuer kassiert sie für den Smoking mit Hemd und Mascherl. Beim Maskenball käme man billiger weg. Der „Mönch“ etwa kostet gerade mal 35 Euro, die „Nonne“ wird schon teurer, 80 Euro, dafür gibt’s das Habit auch mit Flügelhaube. Solche Kostüme sind nicht nur zu Faschingszeiten gefragt, verrät Frau Gabi. Unter dem Motto „mach mer mal was Besonderes“ würden immer mehr Privatleute zu Geburtstagen und anderen Anlässen Kostümfeste veranstalten, kleine Zeitreisen aus dem Alltag sozusagen.
Wir entfliehen dem Alltag im Tanzschritt. Und weil der Wiener Walzer den Takt aller Wiener Bälle vorgibt, ist ein Auffrischungskurs im Dreivierteltakt keine schlechte Idee. Wie viele andere ist auch die Tanzschule Watzek auf solche Kurzkurse von Walzer entwöhnten Ballbesuchern vorbereitet. Inhaber Georg Watzek und Tanzlehrerin Agnes Chochorek lächeln über die erste Befangenheit hinweg und schweben dann über die Tanzfläche, dass uns ganz schwindlig wird. Dann sind wir dran. Der Tanzlehrer lächelt stoisch bei den ersten Stolperschritten und sagt – immer noch lächelnd, aber inzwischen sichtbar um Contenance bemüht: „Wir dürfen Körperkontakt haben. Die Dame schaut über die linke Schulter des Herrn.“ Das müsste sich machen lassen. Der Herr greift herzhaft zu und drückt seine Dame ans männliche Herz. Da vergeht Watzek das professionelle Lächeln, er runzelt die Stirn und gebietet streng: „Nicht die Dame zu kuschelig nehmen, eine schöne Körperhaltung, bitte.“ „Und eins zwei drei, und eins zwei drei“ murmelt es ringsum und fünf Paare kreisen „in schöner Körperhaltung“ umeinander. Zusammenstöße nicht ausgeschlossen, denn so ein Walzer kann ganz schön schwindlig machen.
 Kaum haben wir einigermaßen Tritt gefasst, verkündet der Tanzlehrer – jetzt schon wieder sichtlich entspannt lächelnd, dass es nun Zeit für die Quadrille sei, bei Bällen stets einer der Höhepunkte. Die Paare stehen einander gegenüber und sollen synchron verschiedene Tanzfiguren ausführen, während derer auch die Partner getauscht werden. Das kann nur schief gehen. Die Damen knicksen in die falsche Richtung, die Herren stolpern über die eigenen Füße und aus dem Wirrwarr in der Mitte findet kaum einer mehr heraus. Wie schwer es doch sein kann, auf acht zu zählen, denke ich, und habe schon wieder meinen Partner verloren. Doch der Tanzlehrer lächelt unverdrossen und lobt die echauffierten Tänzer: „Das war doch super.“ So eine Aufmunterung haben wir auch nötig, damit wir uns überhaupt auf den Ball trauen. Die Generalprobe haben wir erst einmal hinter uns. Zeit für eine kleine, süße Pause im Kaffeehaus.
Am Abend wird’s dann ernst. Die Damen werfen sich in Schale, bunt wie Ostereier - cremefarben, taubengrau, nachtblau und purpurrot sind die Roben. Die Herren treten im Einheitslook an, ein Quartett von Pinguinen, schwarz-weiß. Nur der Gastgeber im Frack fällt aus der Reihe. Aber er ist schließlich als Wiener ein Ball-Experte. Deshalb steuert er seine Gäste auch gleich auf den – teuren – Logen-Tisch zu, den er gebucht hat. Die Sitzplätze sind rar, die Herren überlassen sie höflich den Damen. Noblesse oblige, auch wenn’s schwer fällt. Der Auftritt der Debütantinnen eröffnet nach alter Tradition den Ball. Am Nebentisch tupft sich eine rassige Spanierin die Tränen ab: Die Nichte ihres Lebensgefährten, eines Diplomaten, verrät sie mit vor Rührung zitternder Stimme, ist eine der in weiß gekleideten jungen Frauen. Die Delegation der Kaffeesieder folgt den Debütanten auf dem Fuße, danach erscheinen die Ehrengäste, immer mit einem Star als Aushängeschild, auf den sich die Fotografenmeute stürzt. Diesmal ist es Dagmar Koller, die eisern lächelnd das Ritual über sich ergehen lässt. Bei den ersten Klängen der Nationalhymne stehen alle. Das ist Tradition. Und wenn „das Klischee Kaffeehaus das Klischee Wien mit dem Klischee Ball feiert“, ätzt der Wiener Standard, „ist Tradition eben alles“.
Es dauert, bis der Zeremonienmeister mit dem traditionellen Spruch „alles Walzer“ die Tanzfläche für alle freigibt. Aber dann ist kein Halten mehr und Tausende wogen im Dreiviertel-Takt durch die weit offenen, opulent dekorierten Säle und Redouten. Später wird im barocken Lipizzaner-Theater gerockt und die Herren im Smoking geraten ebenso ins Schwitzen wie die Damen in den Roben. Aber da ist Mitternacht schon längst vorbei und mit ihr die Quadrille, bei der wir unsere Feuerprobe bestanden – eher schlecht als recht, wenn ich ehrlich sein soll, aber mit großem Spaß und einem Hauch von Operetten-Seligkeit. Lilo Solcher


Info: Das Hotel Altstadt Vienna im Wiener Bezirk Spittelberg bietet für
die ganze Ballsaison Drei-Nächte-Arrangements an, bei denen die
Eintrittskarte zu einem Ballereignis im Preis ebenso enthalten ist wie
eine Flasche Champagner, eine Stadtrundfahrt und natürlich die
Übernachtungen mit Frühstück. Für den Kaffeesiederball kostet das
Arrangement 419 Euro pro Person. Tischplatz auf Anfrage: www.altstadt.at

Balltermine in Wien:

20. Januar 2011: Ball der Wiener Philharmoniker im Musikverein

29.Januar 2011: Wiener Ärzteball in der Hofburg

31.Januar 2011: Jägerball in der Hofburg

25.Februar 2011: Ball der Wiener Kaffeesieder in der Hofburg

3.März 2011: Wiener Opernball in der Staatsoper

5. März 2011: Juristenball in der Hofburg

7. März 2011: Rudolfina-Redoute in der Hofburg
Infos zu Wien: Wien Tourismus, Obere Augartenstr. 40, 1020 Wien, Tel. 0043/1/22214-0 begin_of_the_skype_highlighting   0043/1/22214-0 end_of_the_skype_highlighting, www.wien.info


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