La mer
Qu'on voit danser le long des golfes clairs
A des reflets d'argent
La mer
Des reflets changeants
Sous la pluie


Das Meer, das Charles Trenet so poetisch besang, bestimmt das Leben an der normannischen Küste, noch mehr noch das auf den Inseln im Atlantischen Ozean. Nicht nur die Fischer leben im Rhythmus der Gezeiten. Auf Tatihou bestimmen Ebbe und Flut auch über das Musik-Festival, das alljährlich auf der Insel gefeiert wird. Denn dafür kommen die Menschen übers Meer.



Dann, wenn sich das Wasser zurückgezogen und das Labyrinth der
Austernbänke vor der Küste freigelegt hat. Ganze Prozessionen ziehen bei
Ebbe durch den Schlick - mit Kind und Kegel -, und die Stimmung bei den
Konzerten ist einzigartig. Vielleicht auch gerade deswegen, weil die
Besucher den Weg durchs Meer nehmen mussten, um dabei zu sein.
1200 Menschen kann das Zelt auf der Insel fassen, und es dauert seine
Zeit, bis alle nach den Konzerten wieder festes Land unter den Füßen
haben. 2004 wäre das beinahe schief gegangen. Wegen eines Unwetters
stieg das Meer schneller und die Musiker hatten auch eine Zugabe zu viel
gegeben. Als sich die Menschen auf den Weg machten, war es fast schon
zu spät. Sie mussten sich ihren Weg durchs Wasser bahnen, der kleine
Rettungswagen blieb stecken und wer nicht laufen konnte, musste an Land
getragen werden. Seither behalten die Musiker die Zeit im Auge. Die
Idee, die Besucher übers Watt pilgern zu lassen, hatte Gerard Viel (59).
Er gab dem Festival auch den Namen „Musik vom Meer“. Zu hören ist
„Volksmusik, modern interpretiert und mit Seele in unsere Zeit
umgesetzt“. Neben Italienern und Griechen, Deutschen und Schweden sind
auch Engländer mit von der Partie.

Die waren in der Gegend über Jahrhunderte nicht gern gesehen. Ende des
17. Jahrhunderts hatte Frankreichs berühmtester Festungsbaumeister
Sebastien LePrestre, besser bekannt als Marquis de Vauban, damit
begonnen, gegen den Erbfeind von den britischen Inseln die Ostgrenze
Frankreichs zu befestigen. Er überredete den König auch, zwei Türme zu
bauen, einen in Saint-Vaast-La -Hugue und einen auf Tatihou. Seither kamen
die britischen Invasoren nicht mehr an Land – außer 1944 als Befreier.
Heute gehören beide Türme zum Unesco-Weltkulturerbe, was dem Örtchen und
der vorgelagerten Insel schon viele Besucher beschert hat. Die kommen
dann auch in den Genuss der wunderbar nussig schmeckenden Austern von
Saint Vaast, die hier seit 1880 gezüchtet werden.

Und sie erfahren auch, wie hart und gefährlich das Leben der Seeleute
ist. Noch im Februar 2010 verschwand ein 25-jähriger Seemann bei seiner
ersten Ausfahrt. Eine Tafel, unter der ein frischer Blumenstrauß hängt,
erinnert in der kleinen Kapelle am Meer an den jungen Mann. Ein Mal im
Jahr wird hier eine Messe für die verunglückten und verschwundenen
Seeleute gefeiert. Das Meer kann grausam sein.
Aber es öffnete über die Jahrhunderte den Menschen die Welt. Das kleine
Granville
, eine Gründung der Wikinger, etwa galt lange Zeit als das Tor
nach Neufundland. Heute fahren die meisten Boote höchstens noch auf die
Insel Chausey – ein beliebter Familienausflug. In langen Schlangen
warten ungeduldige Familienväter mit Fischernetzen bewaffnet, Mütter mit
Picknickkörben und Kinderwägen und kleine Kinder mit Eimer und
Schaufel. Tatsächlich ist Chausey, nur einen Katzensprung von Granville
entfernt, eine andere Welt. Der Rhythmus der Gezeiten gibt den Rhythmus
des Lebens vor. Es gibt keine Autos und wer das Handy nutzen will,
landet oft im Funkloch. Dafür brüten hier seltene Vogelarten und die
Felsen sehen aus wie Fabeltiere. Gerade noch zehn Menschen leben hier
ständig, teilweise im Fort, das nach Ideen Vaubans gebaut aber nie zur
Verteidigung genutzt wurde. Zwischen den Befestigungsmauern gackern
Hühner, rupfen Ziegen Gras, spielen Kinder Verstecken. Einer Trutzburg
gleicht das „Chateau Renault“, ein Fort aus dem 16. Jahrhundert, das
Autokönig Louis Renault Anfang des 20. Jahrhunderts als Ruine gekauft
und restauriert hatte und das verschlossen ist wie eine Auster. Neue
Häuser dürfen nicht gebaut werden. Die Hauptinsel samt den winzigen
Inselchen, die sich bei Ebbe rasant vermehren, ist im Privatbesitz.

„Alles ist ruhig“, sagt ein bulliger junger Mann und schaut hinaus aufs
Meer, das sanfte Wellen an den Strand schickt. Simon Potier (20) ist
Elektriker und bei der freiwilligen Feuerwehr in Granville. Jedes Jahr
ist er für einen Monat bei der Wasserwacht auf Chausey. Zusammen mit
zwei Kollegen lebt er dann vier Tage die Woche in einem kleinen Haus am
Hafen. Ja, er habe schon erlebt, dass Boote in Seenot gerieten, sagt er,
fast widerwillig. Denn die Hauptarbeit machen die Touristen, die ihre
Kratzer und Bisse verarzten lassen. Simon greift zum Handy. Das Boot
zurück ist verspätet. Er muss den Steg räumen, auf dem sich die Menschen
schon ungeduldig drängen. Als das Schiff endlich eintrifft, muss erst
einmal ausgeladen werden. Simon und seine Kollegen hieven Erstaunliches
von Bord: eine Kiste Bananen, eine Kühltruhe, zwei Träger Bier, Wasser,
einen Kanister Benzin, Gardinenstangen, einen Schiffsmotor. Dann flutet
die Menge ins Boot. Von dem Steg ist nichts mehr zu sehen. Auch die
Inselwelt vor Chausey ist wieder im Meer versunken.


La mer

Au ciel d'été confond

Ses blancs moutons

Avec les anges si purs

La mer bergère d'azur

Infinie


Übers Meer kamen jahrhundertelang auch die Pilger zum Mont St. Michel,
dem heiligen Berg, der noch heute wie eine Festung des Erzengels mit dem
Flammenschwert wirkt. Die Statue des heiligen Michael, der die Schlange
mit Füßen tritt, krönt die Kirchturmspitze. Ein Hubschrauber brachte
sie 1987 zurück, nachdem sie von einem Blitzschlag demoliert worden war.
Aber die Besucher – die meisten davon Touristen, die schon in den
Souvenirgeschäften, Restaurants und Museen hängen bleiben – müssen heute
weder per Hubschrauber noch übers Meer kommen. Ein Damm verbindet den
„heiligen Berg“ mit dem Festland und in den Salzmarschen grasen die
Schafe. Noch. Denn der Mont St. Michel, seit 1979 Weltkulturerbe, soll
wieder zur Insel werden. Ein 200-Millionen-Euro Projekt soll ihm seine
Wattlandschaft zurückgeben und den Besuchern ermöglichen, die Trutzburg
des Erzengels wieder im Spiel der Gezeiten zu erleben.


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