Wien 21
Sonntag, 17. Oktober 2010
Aber neugierig sind sie schon, die Wiener. Deshalb holen sie sich nicht
nur im Aussichtsturm den Überblick, sondern strömen auch zu Tausenden
ins moderne Infozentrum, wo auf 1000 Quadratmetern zu ziemlich alle
Fragen zum Bahnhof beantwortet werden. Gleich zu Anfang die nach dem
Geld: „Und wer bezahlt das alles?“ heißt es provokant auf einem der
roten Info-Schirme. 933 Millionen Euro, erfährt der Besucher da, sind
für den Hauptbahnhof veranschlagt. 120 Millionen zahlen die
Österreichischen Bundesbahnen. 62 Millionen übernimmt die EU, weil der
neue Hauptbahnhof für das ambitionierte transeuropäische Verkehrsnetz
(TEN)- das Paris mit Bratislava, Danzig mit Venedig, Athen mit Dresden
verbinden soll – unverzichtbar ist. Und 40 Millionen muss das Land Wien
stemmen.
Doch der neue Hauptbahnhof, der Ostbahn und Südbahn in einem
Durchgangsbahnhof verbindet, ist nur ein Teil des groß angelegten
Entwicklungsprojektes. Auf dem Areal des Frachtbahnhofs und einer Fläche
von insgesamt 59 Hektar entsteht ein komplett neues Viertel mit 5000
Wohnungen für 13 000 Menschen, mit Büros und einem „Bildungscampus“
sowie einem weitläufigen Park, der mit acht Hektar größer ist als der
Wiener Stadtpark. Die ÖBB-Konzernzentrale wird hier angesiedelt sein und
das Finanzzentrum einer Bank. Das frühere Arbeiterviertel rund um Ost-
und Südbahnhof erfahre durch die neue Bebauung eine „ungeheure
Aufwertung“, sagt Alexandra Kastner von der ÖBB-Konzernkommunikation. In
die nötige Infrastruktur investiert die Stadt Wien 502 Millionen Euro.
Auf vier Milliarden Euro werden die Gesamtkosten geschätzt.
Folgelasten erwartet Kastner bei dem „stinknormalen Hochbau“ des
Hauptbahnhofs keine. Im Gegenteil, man sei bemüht, die Bauarbeiten so
umweltfreundlich wie möglich abzuwickeln. So verfüge die Bahn über eine
eigene Betonmischanlage auf dem Gelände, was den LKW-Verkehr deutlich
reduziere. Aller Beton, der beim Abbruch des Südbahnhofs anfiel, werde
zur nötigen Aufschüttung des Geländes wieder verwendet. Über ein eigens
angelegtes Ladegleis wird der Erdaushub abtransportiert. „Wir haben ein
ausgefeiltes Konzept für größtmögliche Nachhaltigkeit erarbeitet“,
erklärt die blonde Bahnfrau nicht ohne Stolz.
Der neue Hauptbahnhof unter dem lichtdurchlässigen rautenförmigen Dach
wird barrierefrei und übersichtlich sein. Geplant sind Geschäfte, Cafes
und Restaurants auf 20 000 Quadratmeter Fläche sowie unterirdisch
Garagen für Autos und Fahrräder. Noch stehen dafür gerade mal die
Grundmauern, doch schon im Dezember nächsten Jahres sollen die ersten
Züge durch den neuen Bahnhof fahren. Zwei Jahre später soll der Bahnhof
als Knotenpunkt fertig sein. Der neue Stadtteil wird dann noch ein paar
Jahre auf sich warten lassen. Wie alles einmal aussehen wird,
besichtigen ganze Familien im Infozentrum, wo sie über die Dächer Wiens
laufen. Auf einer Fototapete ist das neue Areal bunt eingefärbt.
„Info-Bahnsteige“ klären Pendler und Reisende, Kinder und Nachbarn über
die Dinge auf, die für sie von besonderem Interesse sind. In einem
kleinen Film dürfen die Verantwortlichen von Bahn und Politik das
„Jahrhundertprojekt“ bejubeln. Auch der gerade knapp wieder gewählte
Bürgermeister Michael Häupl meldet sich zu Wort und sieht die Stadt mit
dem neuen Hauptbahnhof in der Mitte Europas angekommen.
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