Luxemburger Spezialitäten
Dienstag, 26. April 2011
Wir sind mit dem Autor unterwegs auf den Spuren von Xavier Kieffer, dem
Koch, der zum Fahnder wird und auf der Suche nach dem Regisseur eines
Komplotts, dem ein Ausnahme-Koch und ein Gastro-Tester zum Opfer fallen,
beinahe selbst ums Leben kommt. Und ganz nebenbei erfahren wir bei
dieser Tour auch jede Menge über das 90 000-Einwohner-Städtchen
Luxemburg, das so kosmopolitisch ist, dass München dagegen fast
provinziell wirkt. Kein Wunder, ist doch das kleine Luxemburg einer der
bedeutendsten Finanzplätze der Welt, Sitz wichtiger europäischer
Institutionen und hat mit dem christsozialen Ministerpräsident Jean
Claude Juncker einen überzeugten Europäer an der Spitze.
Kiefers Luxemburger Gerichte geholt hat, bei Lea Linster in ihrem
Gasthaus in Frisange. Die Spitzenköchin, die als erste und bisher
einzige Frau mit dem Bocuse d’Or ausgezeichnet wurde, hat Hillenbrands
Roman genossen, weil er sich so leicht lese „wie man eine Bouneschloupp
schlürft“. Deshalb muss es an diesem kulinarisch-literarischen Abend
auch diese deftige Bohnensuppe geben - von einem Rahmhäubchen gekrönt.
Bei Terrine vom Fasan, Hechtmousse mit Hummersauce und Parfait glacé mit
Grand Marnier wird uns schnell klar, dass diese Luxemburger Küche aller
Auszeichnungen wert ist. 14 Michelin-Sterne leuchten am Luxemburger
Gourmet-Himmel. Lea Linster hat einen davon. Xavier Kieffer will keinen.
Ihm ist ein beschauliches Leben in seinem Häuschen in der Luxemburger
Unterstadt Grund und ein Glas Rivaner im Gärtchen an der Alzette lieber
als jeder Gastro-Sternenglanz.
Die Viertel in der Unterstadt, früher der „dunkle Unterbauch“ der Stadt,
„eine Ansammlung von Gerbereien, Manufakturen und Fabriken, erfüllt von
üblen Gerüchen und Lärm, voller Cholera und Tuberkulose“ (Buchzitat),
sind längst nicht mehr schäbig, sondern schnieke. Hier trifft sich die
Jugend der Stadt und der ganzen Metropolregion zum Ausgehen, hier wohnt
man zu horrenden Preisen unter der Autobahn und am Fuß der imposanten
Kasematten, die Frankreichs berühmter Festungsbauer Vauban genial zu
einem unterirdischen Labyrinth erweitert hat und die Luxemburg den
Beinahmen „Gibraltar des Nordens“ eingebracht haben.
Verfolgungsjagd einem Mann zu entkommen, der ihm nach dem Leben
trachtet. Er muss schon besondere Kenntnisse gehabt haben, um die
Sperren zu umgehen. Uns verstellt ein Drehkreuz den Weg. „In meiner
Vorstellung gibt’s da jede Menge geheimer Ein- und Ausgänge“,
entschuldigt sich der Autor. Wir folgen ihm trotzdem gern hinunter zum
dunklen Fluss, in den sich der flüchtende Koch mit einem Kopfsprung
rettete. Heute stehen hier nur die mittelalterlichen Häuser Kopf und das
Kloster Neumünster, das nach der Säkularisierung ein Gefängnis
beherbergte und heute ein Kulturzentrum ist. Ein kleiner Weg führt an
der funkelnden Alzette entlang in Richtung Clausen, wo Kieffers „Deux
Eglises“ am Hang sein sollte, da, wo jetzt die Bäume ihr frischestes
Grün angelegt haben - und kein Haus steht. „Dichterische Freiheit“
grinst der Autor. Wir können uns immerhin vorstellen, warum sich Xavier
Kieffer da so wohl gefühlt hat und warum seine Stammgäste so gerne zu
ihm pilgerten. Stern hin oder her. Das Fleckchen zwischen den beiden
Kirchen, der gotischen Kathedrale Notre Dame in der Oberstadt und der
bescheidenen Kunigundenkirche in der Unterstadt ist einfach idyllisch -
und ganz nah bei der neuen Ausgehmeile auf dem früheren Gelände der
Mousel-Brauerei.
Hier, sagt die blonde Cathy Giorgetti vom Tourismusbüro, „ist es am
Abend so voll, dass nicht einmal mehr ein Smart einen Parkplatz
ergattert.“ Schließlich wollen die 8000 Eurokraten, die in Luxemburg
tätig sind wie Kiefers Freund Pekka Vatanen, nach getaner Arbeit auch
mal richtig feiern. Das können sie nicht auf dem Kirchberg, wo das neue,
moderne Luxemburg glänzt. Ihre Arbeitswelt sind die gläsernen
Hochhaustürme, wo der Europäische Gerichtshof, der Europäische
Rechnungshof, die Europäische Investitionsbank, Eurostat und Teile des
Generalsekretariats des Europäischen Parlaments angesiedelt sind. Und
trotz des spektakulären Mudam, Ieoh Ming Peis Musée d'Art Moderne
Grand-Duc Jean oder der Philharmonie von Christian de Portzamparc ist
das Plateau nach Dienstschluss verwaist.
weiße auf dem Heilig-Geist-Plateau liegt zentrumsnah,
und mit dem Aufzug, der für unseren Koch zur letzten Rettung wurde, sind
die Juristen im Nu in der Unterstadt. Weil Luxemburgs Altstadt und die
Kasematten Weltkulturerbe sind, mussten die Pläne für das Justizviertel
mehrfach geändert werden, erzählt Cathy Giorgetti. Dabei sind die
Luxemburger eigentlich gar nicht scharf auf Veränderungen. Da ist Xavier
Kieffer ein echter Sohn seines Landes, das nach dem Motto lebt: „Mir
wele bleiwe wat mer sin“, nachzulesen auf einem Erker in der Oberstadt.
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