Dem heiligen Wolfgang sei Dank
Dienstag, 14. Juni 2011
An Touristen hat der Bischof damals wohl kaum gedacht, wohl aber daran,
die Heiden, die noch immer stur ihren Göttern opferten, zu bekehren. Was
also lag näher, als die keltischen Kultplätze, von denen es hier
geradezu zu wimmeln schien, zu „christianisieren“? Der Falkenstein, wo
heute die Kapelle steht, war so ein Kultplatz. Und der Felssporn, auf
dem weithin sichtbar die gotische Kirche von St. Wolfgang thront. Heute
sind beides heilige Plätze, zu denen seit einigen Jahren auch wieder
vermehrt Gläubige wallfahrten.
ihnen nur Gutes widerfahren. Im Kirchlein drücken sie sich durch einen
Felsspalt, um nie wieder Rückenschmerzen zu haben. Bei der überdachten
Quelle holen sie sich wundertätiges Wasser, das gegen Augenleiden hilft
und – weil rechtsdrehend – „energieaufladend und gesundheitsfördernd“
wirkt. Wo der heilige Wolfgang sich gegen die Felsen gestemmt hat, mit
denen der Teufel ihn zermalmen wollte, und man mit etwas Fantasie heute
noch einen Kopfabdruck an der Wand sehen kann, wappnen sie sich gegen
Kopfschmerzen. Sind sie mühselig und beladen den Berg empor gestiegen,
gehen sie ihn energiegeladen wieder hinunter. Sie passieren auch den
Felsen, von dem der Einsiedler sein Beil geschleudert hat. Kilometerweit
ist es geflogen, bis es an dem Örtchen niederfiel, das heute St.
Wolfgang heißt. Und dort baute der Heilige seine Kirche mit eigenen
Händen und – mit Hilfe des Teufels. Den hat er dann ganz schön
ausgetrickst, als er als ersten Besucher einen Wolf in die Kirche
schickte. Hatte doch der Teufel sich als Lohn für seine Arbeit die Seele
des ersten lebenden Wesens ausbedungen, das die Kirche betrat. Wütend
soll der Satan durchs Kirchendach gefahren sein. Auch das Loch ist noch
zu sehen ebenso wie die Fuß- und Handabdrücke des Heiligen auf einem
großen Felsen in der Kirche.
Scharen nach St. Wolfgang zogen. Das Örtchen am See war damals neben
Rom, Aachen und Einsiedeln der wichtigste Wallfahrtsort Europas. So
wichtig wie Santiago de Compostela heute ist. Womöglich war ja der
heilige Wolfgang so etwas wie der Hape Kerkeling des Mittelalters.
Jedenfalls strömten im 15. Jahrhundert 20 000 bis 70 000 Pilger
alljährlich nach St. Wolfgang. In dieser Zeit entstand auch der
weltberühmte Pacher-Altar, ein großartiges Kunstwerk aus der Hochgotik.
Längst hatten geschäftstüchtige Bürger rund um die Kirche Häuser gebaut,
die den Pilgern Quartier und Verpflegung boten. Die Geschäfte liefen
prächtig, bis Martin Luther „alles verteufelte, was unser Geschäft war“,
so Altwirt Helmut Peter, Gastgeber im Traditionshotel Zum Weissen
Rössl, das dereinst wohl auch einmal Pilgerherberge war. Doch dann kam
die Gegenreformation und mit ihr kehrten die Pilger zurück. So blühte
St. Wolfgang auf und zog die Investoren an. Auch die Vorfahren des
Rössl-Wirts kamen, Bierbrauer aus Bayern, und eröffneten die fünfte
Brauerei am Wallfahrtsort. Die Pilger ließen es sich gut gehen, bis Graf
Montgelas Ende des 18. Jahrhunderts im Namen der Aufklärung Wallfahrten
verbot, die über eine Nacht andauerten. Die Klöster wurden
säkularisiert und St. Wolfgang fiel in einen Dornröschenschlaf.
Es war nicht ein Prinz, sondern der Kaiser höchstselbst, der den Ort
wach geküsst hat. Franz Joseph residierte im nahen Bad Ischl und er
begründete 1873 die Schifffahrt auf dem See. Vielleicht aus purem
Eigennutz, hatte sich doch seine – von Gattin Sisi geduldete –
Herzensgeliebte Katharina Schratt, eine Hofschauspielerin, in der Villa
Frauenstein nahe St. Wolfgang einquartiert. 20 Jahre später wurde dann
die Bahn auf den Schafberg gebaut. Beides beflügelte den Tourismus am
See: Maler kamen und fuhren samt Staffelei mit dem Schiff übers Wasser,
Dichter und Komponisten. Und dann war da noch die Operette von Ralph
Benatzky „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“, die dank der
geschäftstüchtigen Rössl-Wirtin Antonia Dassl das Wirtshaus und den Ort
in aller Welt bekannt machten. Als die Liebesgeschichte zwischen einem
Kellner und seiner Wirtin, die tatsächlich ganz woanders spielte, auch
noch verfilmt wurde, stand im Weissen Rössl am Wolfgangsee tatsächlich
das Glück vor der Tür. Filmgrößen stiegen im Haus ab und die Touristen
strömten aus aller Welt herbei. Das tun sie bis heute dank der
unermüdlichen Arbeit der Rösslwirte, die ihre Hotellegende immer wieder
neu definieren. Das ganzjährig beheizte Seebad und der Rösslpool machen
den See zu einem Teil der hauseigenen Wellness. Und für Pilger gibt es
im Haus eine eigene Behandlung – für die müden Füße. „Wir sind ein
Wirtschaftsbetrieb, keine Frage“, sagt Altwirt Helmut Peter. „Aber es
geht nicht nur ums Geld. Wir wollen unseren Gästen auch Erlebnisse
bieten.“
„Man stellt sich eine Kirche anders vor“, sagt Bruder Elija gleich zum
Empfang. Stimmt. Und man stellt sich auch einen Benediktiner anders vor.
Der 42-jährige Bruder Benediktiner-Bruder trägt statt des schwarzen
Habits eine beige Cargo-Hose zur weißen Tunika mit Kapuze. „Meine
Arbeitskleidung“, erklärt der Mönch mit dem leichten Bartansatz und dem
feinen Lächeln, um dann zum Wesentlichen zu kommen, dem neuen Kloster:
Das Europakloster Gut Aich, 1994 an dem Tag eingeweiht, an dem sich der
Tod des heiligen Wolfgang zum 1000. Mal jährte, kommt ohne Klostermauern
aus und will die Menschen draußen teilhaben lassen an spirituellen
Erfahrungen. Die Brüder wollen beweisen, dass es möglich ist „mit sich
selbst, mit anderen Menschen und mit Gott in Frieden zu leben“ – so
steht es auf der professionell gemachten Website. Da sind die Mönche
ganz von dieser Welt.
Sinnbild der Klostergemeinschaft ist der offene Kirchenraum mit den
kreisrund um den Altar angeordneten Stühlen. Den geschmiedeten
Apostelkranz über dem Altar hat Altkanzler Helmut Kohl gestiftet, der
seinen Urlaub gerne in St. Gilgen verbracht hat. Auch die Ikone aus den
Vatikanischen Werkstätten mit dem Wappen von Papst Johannes Paul II.,
ein persönliches Geschenk des Papstes an den Kanzler der Einheit, kommt
aus dem Hause Kohl. Dass eine dickbäuchige Flasche mit Kräuterlikör den
Namen „Der Kanzler“ trägt, kann da kein Zufall sein. Die durchaus
geschäftstüchtigen Brüder produzieren aus Gartenkräutern Liköre „mit
medizinischer Wirkung“, wie Elija erläutert. Auch einen
Johanniskrautlikör, „das Arnika der Seele“.
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