Unter dem Vulkan

Mittwoch, 22. Juni 2011

„Don’t fuck with Island. We may not have cash. But we got ash.” Sie nehmen’s mit Humor, die Isländer. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Nachdem genau ein Jahr nach dem berüchtigten Eyafjallajökull der Grimsvötn ausgebrochen war und die Flugpläne durcheinander gewirbelt hatte. Der Vulkan hatte sich beruhigt, als wir nach Island aufgebrochen sind. Aber es lag noch was in der Luft, die alles andere als sommerlich mild war.
Regen. Später auch Schnee.



Mindestens vier Wochen zurück sei die Natur, sagten uns Isländer, als
wir etwas ratlos auf die fahlen, graubraunen Polster des
Zackenmützenmooses blickten, das sonst in dieser Jahreszeit so
überirdisch grün leuchtet. Ein eiskalter Nordwind fegte durch Reykjavik
und über die Ebenen und trieb uns die Tränen in die Augen. Wir gingen
trotzdem raus, badeten in der Blauen Lagune, wanderten über das
Thingvellir, bewunderten die Fontäne, die der Stokkur nach einiger
Warterei in die Luft katapultierte.
Und dann bei Kirkjubaejarklaustur, das nahe am Grimsvötn liegt, kamen
wir auch in die Asche. Die Wolke kam nicht von oben. Der Wind hatte die
Asche aufgewühlt, die auf dem Gras lag und trieb sie in einer dichten
Wolke vor sich her. Sie waberte über dem Boden, fünf, vielleicht auch
zehn Meter hoch, darüber eine blasse Sonne und die Ahnung eines blauen
Himmels. Die Aschepartikelchen drangen in Mund und Augen. Sie reizten
die Schleimheute, knirschten zwischen den Zähnen, als wir vom Restaurant
in unsere Häuser gingen.

Die Wolke überdauerte auch die Nacht, stand da wie eine Mauer,
unverrückbar. Wir mussten hindurch. Ein Blindflug. Kilometerweit. Und
plötzlich war der Spuk vorbei. Wir hatten die Wolke hinter uns gelassen.
Nur die grau gesprenkelten Schafe auf der Wiese erinnerten noch an die
Asche
und die dicken Trauerränder, die die Gletscher trugen.

Es muss gespenstisch gewesen sein, als der Grimsvötn am 22. Mai seine
Aschewolke ins Tal schickte. Monique Starr, die im Hotel an der
Rezeption arbeitet und aus Deutschland kommt, hat es miterlebt. „Als ich
rausging, war es so dunkel wie es nicht einmal nachts ist“, erinnert
sie sich. „Ich konnte nicht einmal die Hand vor den Augen stehen. Wie
eine Wand stand die Aschewolke vor uns und hüllte alles ein, mehlfein
drang sie durch alle Ritzen und legte sich auf Fenster und Möbel.“ Nur
mit Skibrille und Gesichtsschutz konnten sich die Menschen draußen
bewegen. Zentimeter dick wie grauer, frisch gefallener Schnee bedeckte
die Asche Wiesen und Wege, so dass man beim Gehen einsank.
Geschäftstüchtige Isländer, haben wir gehört, hätten die Asche
eingesammelt und in Gläser gefüllt, die unter den Touristen reißenden
Absatz fänden. Wir haben sie nicht gesehen. Vielleicht waren sie ja
schon ausverkauft.
Auch die Straßen sind längst wieder aschefrei, aber die Gletscherzunge
ist schwarz-grau gestreift. Die dicken Moospolster liegen über den
Lavafelsen, aschgrau wie tote, nackte Leiber. Und die meisten Eisberge
in der Gletscherlagune von Jökusarlon tragen schwarze Hüte. Der
Grimsvötn hat seine Spuren hinterlassen.

Dem Tourismus hat auch dieser Ausbruch nicht geschadet. Im Gegenteil.
Vulkanausbrüche scheinen noch mehr Touristen auf die Insel zu locken.
Zivilisationsmüde, die einmal in ihrem Leben ungezähmte Natur erleben
wollen. Einzelgänger, Naturliebhaber, Wanderer und Abenteurer, die den
letzten Kick suchen. Einem deutschen Touristen wäre das beinahe zum
Verhängnis geworden. Er hatte sich am Gletscher Vatnajökull verirrt und
konnte sein mit Solarzellen betriebenes Handy wegen der Aschewolke nicht
mehr aufladen.

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