Spreewald: Eine Frage der Tradition

Dienstag, 2. August 2011

„Man muss nicht Knoblauch essen, um hier einsam zu sein“, sagt ein Spreewalder. Recht hat der Mann, zumindest wenn er ans flache Land denkt. Denn im 1575 Kilometer großen Spreewalder Wasserreich herrscht Hochbetrieb fast wie in den besten Zeiten auf dem Nil. Die Fährmänner und –Frauen haben Mühe, ihre Kähne aneinander vorbei zu staken und vor dem liebevoll möblierten Freilandmuseum Lehde legen sie auch in zweiter Reihe an.




Volker Buchan (45) ist Kahn-Fährmann wie sein Vater, seine drei Brüder
und die Schwägerin. „Das ist kein Beruf, sondern eine Tätigkeit“,
erklärt der Mann mit dem langen Stab bedächtig. Und: „Wenn man hier
aufgewachsen ist, rutscht man da ganz automatisch rein.“ So wie er eben.
Schon lange kann er sich keine andere „Tätigkeit“ vorstellen, auch wenn
die Arbeit nicht immer einfach ist. „Man muss sich auf die Gäste
einstellen, die Kahnfahrt zum Erlebnis machen“, sagt der Familienvater.
Dass seine ältere Tochter (22) kein Interesse hat, schmerzt ihn. Noch
hofft er auf die Jüngere (14), aber: „Jeder lebt halt in seiner Zeit.“
Schade fände er es trotzdem, wenn er der letzte Kahn-Fährmann in seiner
Familie wäre.

Im Spreewald hält man schließlich auf Tradition. Selbst das Sorbische,
unter Bismarck, der in der Nähe von Burg Verwandtschaft hatte, verboten,
feiert fröhliche Auferstehung. Die Straßenschilder sind zweisprachig
und schon im Kindergarten wird sorbisch gelernt. Rochus Graf zu Lynar
spricht zwar noch nicht sorbisch, aber er fühlt sich der Tradition
verpflichtet. Der Herr auf Schloss Lübbenau, blond mit randloser Brille,
ist in Portugal aufgewachsen. Seine Familie hat den Besitz nach der
Wende übernommen. „Historische Besitztümer sind sehr unflexibel“, sagt
der adlige Betriebswirt, aber „Wir sind preußisch-traditionell und
stehen zu unserem Erbe.“ Und das gefällt ihm, wie sein stolzer Blick auf
auf das klassizistische Schloss, das nach einer umfassenden Renovierung
in Schönbrunner Gelb erstrahlt, verrät.
Dass es heute noch steht, ist den Lübbenauer Bürgern zu verdanken. In
der DDR war das 1820 erbaute Haus Lazarett, später Kinderheim. In den
1970iger Jahren sollte das baufällige Gebäude gesprengt werden. Das
haben Bürgerproteste verhindert. Der Staat sanierte und installierte ein
Schulungsheim. Nach der Wende führte die gräfliche Familie das Ensemble
wieder zusammen und investierte „viel Geld“ in das „Filetstück“ des
Städtchens. Zusammen mit Zuschüssen beziffert der Graf die Investitionen
auf sieben Millionen. „Hätten wir gewusst, was uns das alles kostet,
hätten wir uns das womöglich gar nicht zugetraut“, gibt er zu. „Aber der
liebe Gott hat uns hierher gesetzt, er wird schon seinen Grund haben.“

Jetzt ist die Hauptarbeit getan, im Marstall allerdings wird noch heftig
gewerkelt. Zur 750-Jahr-Feier von Lübbenau soll das Schlossmuseum
eröffnen. Und selbst dann ist der Graf, zu dessen italienisch-stämmigen
Ahnen auch der Architekt der Zitadelle von Spandau gehört, noch lange
nicht fertig. „Das fünfte Gebäude, das wir sanieren werden, ist der
Park“, verspricht er, „das wird toll“. Nichts von alledem nützt die
Familie privat. Bruder Frederico führt eine ökologische Landwirtschaft
in der Nähe, die Mutter wohnt in einem Lübbenauer Häuschen nahe dem
Schloss und der Graf selbst hat bisher mit seiner Familie in Berlin
gelebt. Doch der Umzug nach Lübbenau ist schon geplant. „Für Kinder ist
es hier ideal“, schwärmt er. „Das kriegt man in Berlin nicht so
kompakt.“.

„Wohnenswert“ ist das 17 000-Einwohner-Städtchen mit der schnuckelig
herausgeputzten Altstadt und der eher sterilen Neustadt nicht nur für
den Grafen und seine Familie. Bürgermeister Helmut Wenzel freut sich
über jeden Neuzugang. Musste Lübbenau doch einen großen Aderlass
verkraften, nachdem 1996 der letzte Block des Braunkohlekraftwerks vom
Netz ging und 5000 Menschen ihre Arbeit verloren. Viele zogen weg. Für
den Bürgermeister ist es eine große Herausforderung, neue Arbeitsplätze
zu schaffen. Der Tourismus mit jährlich 200 000 Übernachtungen ist da
für ihn ein wichtiger Baustein.
Wie überall im Spreewald. Auf Touristen setzt auch Thomas Göbel,
Geschäftsführer der AgrarGmbH und eigentlich zuständig für die
Spreewald-Gurken. „Südfrucht vergeht – saure Gurke besteht“, war im
Freilandmuseum Lehde zu lesen. Wohl wahr. 40 000 Tonnen Gurken werden im
Spreewald „veredelt“. Kurz nach der Wende waren es gerade noch 2000
Tonnen. Die wundersame Vermehrung der Gurkenernte ist dem Verein zur
Rettung der Spreewalder Gurke zu verdanken. Er machte die Spreewald-Gurke zur „Regionalmarke wie die Münchner Weißwurst“, sagt Göbel
zufrieden und schiebt seinen Hut in den Nacken. „jetzt sind wir wieder
da, wo wir vor der Wende waren“ – auch dank moderner Methoden wie der
Bewässerung mittels Tröpfchenschlauch. Heute können wieder „viele
Menschen von der Gurke leben“.

Ein Kinderspiel ist der Gurkenanbau allerdings nicht. Alle drei Tage
muss in der Hoch-Zeit geerntet werden. „Wir sind jetzt in einer
Gurkenschwemme“, erklärt Göbel, da müssten die Erntehelfer von morgens
früh um fünf bis abends um 20 Uhr arbeiten – für einen Stundenlohn von
4,49 Euro brutto. An Arbeitswilligen mangele es trotzdem nicht. „Wir
bezahlen zwar niedrige Löhne, aber wir bezahlen immer.“ Außerdem
schätzten die Leute die Kommunikation auf dem Gurkenflieger. Das ist ein
riesiges Erntegerät mit zwei Seitenauslegern (Flügeln), auf denen die
Erntehelfer auf Matten liegen.

Im Liegen ernten? Nicht schlecht, denken die meisten. Bis sie es selbst
ausprobiert haben. Göbel lädt Touristen zum Selbstversuch auf dem
Gurkenflieger ein. Und während das Monstrum mit 50 Meter in der Stunde
über das Feld kriecht, können sie die Gurken pflücken, die sich meist
unter dem dichten Blattwerk verbergen. Nach 15 Minuten schmerzt der
Nacken, der Rücken tut weh. Aber immerhin wurden ein paar Körbchen mit
Spreewalder Gurken gefüllt. „Die Touristen sollen hautnah erleben, wie
schwer die Arbeit ist, dann schätzen sie unsere Gurken noch mehr“, hofft
der Herr der Gurken und freut sich über das Vertrauen, das die
Spreewalder Gurke inzwischen genießt. Während die Angst vor EHEC
mancherorts den Verkauf von Gurken zum Erliegen brachte, konnte man im
Spreewald
„gar nicht so viel Gurken ranschaffen wie wir gebraucht
hätten“.

Die EHEC-Mikrobe wäre wohl zu winzig, um sie unter einem der Mikroskope
zu untersuchen, die auf der Nautilust, dem „Erlebnis-Forscherkahn“
Touristen zur Verfügung stehen. Mit Kescher und Lupe ausgerüstet sollen
sie den Spreewald „mal anders kennenlernen“, über seine kleinsten
Bewohner wie Flohkrebs oder Taumelkäfer. Winzig sind sie, kaum zu
unterscheiden von einem Schmutzkleks oder einer Baumnadel. Erst unter
dem Mikroskop zeigt der Flusskrebs seine Zangen und der Taumelkäfer
seine Augen, die nach oben und unten sehen können. Die Nautilust, auch
aus EU-Mitteln finanziert, will mit einem „Naturerlebnis zum Anfassen“
vor allem junge Forscher ansprechen und sieht sich als Gegenentwurf zu
Computer & Co.

Man sieht: Aus den Spreewaldkähnen lässt sich einiges machen – selbst
ein "Kahn der Sinne". Der liegt in Burg vor der Pension zum Schlangenkönig
und lädt dazu ein, „die Ruhe zu hören“. Tatsächlich, in dieser Ecke des
Wasserreichs kommt nur selten ein anderer Kahn vorbei. Höchstens ein
Paddler. „Na, Sie lassen sich’s aber gut gehen,“ ruft der und schaut mit
leichtem Neid auf die Kahn-Insassen, die sich auf  dicken Liegesäcken
ausgestreckt haben und in den blauen Himmel über den Spreewald gucken, während der Fährmann durch ruhige Seitenarme stakst.

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